Senecas Tod

Als Nero erfuhr, dass Seneca
Verschworen mit Piso war,
Ihn zu stürzen,
Befahl er bitter
Seneca den Tod.

Der öffnet sich die Adern
An Armen, Knien,
Unterschenkeln.
- Doch Seneca kann weder sterben
Noch leben!
Er lässt den Schierling kommen,
Doch ist sein eigener Körper zu kalt.

Er tritt in die warme Wasserwanne:
Das Blut fließt schneller,
Der Arzt hält das Skalpell
- Auf spritzt das Blut in dünnem Strahle!

Senecas Haupt ist fahl,
Sein Antlitz zeigt
Zerquälte Züge.
Doch gleicht sein Leib
Dem Angelfreund:
Bepackt mit Muskeln,
Sehnig, Nervig,
Wenn auch gebeugt
Vor Schmerz.

Es wacht ein Soldat
Mit dem Speer,
Ein Offizier mit mitleidsvollen Blick
Sieht in sein bärtiges Antlitz,
Wo der Todeskampf
Sich seinen Spiegel sucht.
Rote Farbe
Mischt sich mit Wasser
- Rohrschachmuster.

So zweideutig ist dieses Bild des Lebens:
Des Tyrannen Milde pries er
Ein williger Höfling des Kaisers.
Auch hatte er genug
An Geld und Gut.
Doch nach dem Brande Roms
Bat er um Abschied.
Er geizte nie
Und tadelte die Reichen.

So flog die Seele Senecas
Mit größerer Tapferkeit
Und unerschrockenerem Mut
Zu den Göttern
Als der unsterbliche attische Sokrates.

(von Norbert Prostka)